Zuletzt aktualisiert am 26. November 2007
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Hans Schiltberger der bairische Marco Polo Taschenbuch, 196 S. - 14,00 € ISBN 978-3-935115-05-6 Direkt beim Verlag bestellen: viaverbis@aol.com (14 Euro + 1,50 Euro Versandkosten)
„...danach gelangte ich nach Krakau, einer Hauptstadt in Polen. Als nächstes kam ich in das Land zu Sachsen, weiter nach Meißen und Breslau, einer Hauptstadt in Schlesien, und nach Eger. Von Eger nach Regensburg, weiter nach Landshut – und von Landshut nach Freising, wo mein Wesen ist gewesen.“ So endet einer der Aufsehen erregendsten Berichte des Mittelalters. Geschrieben von einem, der als verschollen, tot galt und gerade aus dem Orient zurückgekommen war – nach über dreissig Jahren: Hans Schiltberger. 600 Jahre später gibt es diesen Tatsachenbericht als kommentierte Neuausgabe in Buchform. Der Wambacher Journalist und Verleger (via verbis bavarica) Markus Tremmel hat eine handschriftliche Kopie des verschollenen Originalmanuskripts aus dem 15. Jahrhundert neu aus dem Mittelhochdeutschen übertragen und startet damit eine Reihe „Bayerische Abenteurer“, in der Ulrich Schmidel aus Straubing im Herbst der nächste bayerische Abenteurer sein. Schmidel war 1534 nach Südamerika aufgebrochen und erst 20 Jahre danach wieder in seine Heimat zurückgekehrt. Hans Schiltberger hatte 140 Jahre davor, 1394, die entgegengesetzte Richtung eingeschlagen und war im bis dahin größten christlichen Heer nach Osten gezogen – den Türken entgegen, sie standen auf dem Balkan. König Sigmunds von Ungarn hatte ein europäisches Heer gesammelt, um die Osmanen zurückzudrängen und Konstantinopel von ihrer Belagerung zu befreien. Hans Schiltberger – er kam höchstwahrscheinlich vom Gut Hollern, das heute noch zwischen Freising und München liegt und sich damals im Besitz des Schiltbergerschen Adels befand (er nennt darum auch einmal Freising, einmal München seine Heimat) - war dem bayerischen Ritter Linhart Reichhartinger als Knappe zugeteilt. Im September 1396 kam es bei der bulgarischen Stadt Nikopolis zur entscheidenden Schlacht mit dem Heer des türkischen Sultans Bajasit I. Was dort geschah, das hat das Abendland dank dem Augenzeugen Schiltberger erfahren, unter anderem schreibt er vom Beginn des Kampfes: „Als der König hörte, daß der Herzog von Burgund die Feinde bereits angeritten hatte, versammelte er das restliche Heer und griff mit zwölftausend Mann das Fußvolk an, das die Türken vorangeschickt hatten. Die wurden alle von ihm erschlagen und zertreten. Und in diesem Kampf ward mein Herr Linhart Reichhartinger von seinem Pferd geschossen. Das sah ich, Hans Schiltberger, sein Renner, ritt zu ihm hinein in das Heer, brachte ihn auf mein Pferd, ich kam selber auf ein anderes, das einem Türken gehört hatte, und ritt wieder zu den anderen Rennern.“ Das christliche Heer verlor die Schlacht, floh auseinander, der König rettete sich über die Donau, viele aber wurden erschlagen, ein Großteil der Gefangenen am nächsten Tag geköpft. Schiltberger selbst wurde ebenfalls zusammen mit zwei anderen an einem Seil gebunden zur Hinrichtung geführt: „So nahm man meine Gesellen und schlug ihnen die Köpfe ab. Und da es an mich ging, da erblickte mich des Königs Sohn, und der befahl, daß man mich am Leben ließ; und er führte mich zu den anderen Knaben, weil man niemand unter zwanzig Jahren tötete – und ich war da ja kaum sechzehn Jahre alt. Ich sah, wie man den Herrn Hannsen Greiffen, der aus Bayern war, mit drei anderen an einem Seil vorführte. Als er die große Rache sah, die da geschah, schrie er auf mit heller Stimme und tröstete die Ritter und Knechte, die da auf den Tod warteten, und sprach: ,Gehabt euch wohl, alle Ritter und Knechte, wenn unser Blut heute vergossen wird des christlichen Glaubens wegen, weil wir, so Gott will, Himmelskinder sind vor Gott.’ Und als er das gesprochen hatte, kniete er nieder und ließ sich enthaupten; und seine Gesellen mit ihm. Das Blutvergießen währte vom Morgen bis zur Vesperzeit.“ Für den Knappen Hans Schiltberger beginnt nun seine Irrfahrt durch den Orient: Er kommt in die Dienste des türkischen Sultans Bajasit. Eine Flucht misslingt. Im Jahre 1402 schickt man sich bei Ankara zur wohl größten Schlacht des Mittelalters an: Der Tatarenherrscher Timur (auch als Tamerlan bekannt) greift Bajasit an. Die Türken gehen unter, Schiltberger wird Kriegsbeute Tamerlans. Jahrelang nimmt er an dessen verheerenden Kriegszügen teil. Nach Tamerlans Tod dient er unter den Nachfolgern, zwischendurch gehört er als Leihgabe zum Heer ägyptischer Sultane, zieht an Jerusalem vorbei, würde es gerne besichtigen... Was Schiltberger nach seiner Rückkehr berichtet, ist für die Menschen seiner Zeit – und für seinen heutigen Leser ebenso - eine spannende Reise in den Orient des Mittelalters. Schiltberger erzählt nicht nur von den politischen Ereignissen, die sich damals im Reich der aufgehenden Sonne zugetragen haben, als aufmerksamer Beobachter erzählt er auch viel von den Sitten und Gebräuchen der Völker, die er zwischen dem Bosporus und Indien, zwischen Nil und Sibirien kennengelernt hat: vom Glauben der Mohammedaner, von Hochzeitsbräuchen der Georgier und Osseten, von der Königswahl bei den Tataren, von den Messen der Armenier und Griechen, von Sagen und Legenden. Einen seltsamen Brauch hat er zum Beispiel bei den Tscherkessen im Kaukasus kennengelernt: „Wenn bei ihnen einer vom Blitz erschlagen wurde, so nehmen sie ihn, legen ihn in eine Truhe und setzen ihn in der Truhe auf einen hohen Baum. Das Volk aus der ganzen Gegend kommt zusammen, bringt Essen und Trinken mit unter den Baum und dann essen, trinken und tanzen alle und haben eine große Freude unter dem Baum. Sie stechen Ochsen und Lämmer ab und gebens um Gottes Willen. Das machen sie drei Tage nacheinander. Und so lange der Tote auf dem Baum liegt, begehen sie den Jahrtag wie beschrieben. So lang, bis er verfault ist. Das tun sie deshalb, weil sie meinen, er sei dadurch heilig, daß ihn der Blitz erschlagen hat.“ Im Reich des ägyptischen Sultans, der damals fast den gesamten Nahen Osten beherrschte, hat Schiltberger unter anderem folgendes erlebt: „Schickt der König Sultan in seinem Land einen Boten aus, so stehn überall in den Herbergen an den Straßen Pferde und was dazugehört. Der ausgesandte Bote hat große Schellen am Gürtel, die er mit einem Tuch verbindet. Nähert er sich dann einer Herberge, bindet er die Schellen auf und läßt sie klingen. Sobald man ihn in der Herberge hört, bereitet man ihm ein Pferd vor. Wenn der Bote dann ankommt, findet er das Pferd schon bereit, er sitzt auf und reitet gleich weiter zur nächsten Herberge, wo er ein neues Roß nimmt. Das treibt er, bis er angekommen ist, wo man ihn hingeschickt hat. Diese Einrichtung hat der König Sultan auf allen Straßen.“ Schiltberger interessiert sich als gläubiger Christ vor allem auch für Religionen der Völker, die ihm begegnen. Insbesondere dem Islam widmet er große Aufmerksamkeit, stets berichtet er von Mohammeds Anhängern und ihrem Glauben mit Respekt. Er teilt seinen Lesern unter anderem mit, was die Mohammedaner über Jesus sagen: „Weiter glauben sie, Jesus sei der höchste Prophet Gottes unter allen Propheten und habe nie eine Sünde getan. Daß Jesus gekreuzigt worden ist, das glauben sie nicht. Es sei einer gekreuzigt worden, der ihm ähnlich war. Darum sagen sie, die Christen hätten einen bösen Glauben, zu behaupten, Jesus sei gekreuzigt worden, wenn er doch Gottes liebster Freund war und nie gesündigt hat. Gott wäre kein gerechter Richter, wenn Jesus unschuldig hätte getötet werden sollen.“ Weiter berichtet Schiltberger von den Mohammedanern, die er wie alle Nichtchristen Heiden nennt: „Die Heiden sagen auch, daß die Christen weder die Gebote des Messias halten, noch den Glauben, den er ihnen gegeben hat. Die Gebote und die Rechte, die er (im Evangelium) gegeben habe, seien alle heilig und gerecht. Den Glauben und die Rechte aber, die sie gemacht und gedichtet hätten, das sei alles ungerecht und falsch. Weil die von ihnen gemachten Rechte seien nur um des Besitzes willen – und das sei alles wider Gott und wider seine lieben Propheten.“ Freundliche Aufnahme hat Schiltberger immer bei den Armeniern gefunden. Sie lehrten ihn ihre Sprache, und bei ihnen ist er oft in die Messe gegangen. Über ihre Kirchensitten schreibt er uner anderem: „Es soll auch kein Mann und keine Frau zur Messe kommen, wenn sie nicht gebeichtet haben. Auch wer seinem Nächsten gegenüber Neid, Haß oder Feindschaft hegt, darf nicht in die Kirche. Er muß vor der Kirche stehen, und man läßt ihn nicht hinein, bis er sich mit seinem Widersacher versöhnt. Weiber und Männer singen in der Kirche zusammen mit dem Priester den Pater Noster und das Glaubensbekenntnis. (...) Alle Samstag und Feierabende rauchen sie in ihren Häusern, nehmen dabei aber keinen außer den weißen Weihrauch, der in Arabien und Indien wächst.“ Die Ehe gestalten die Armenier auch anders, als es Schiltberger von daheim in Freising gewohnt war: „Wenn sich zwei Eheleute nicht mehr vertragen und eines von beiden das andere nicht mehr will, scheidet man sie zu Bett und zu Tisch. Wollen sie sich aber beide nicht mehr haben, scheidet man sie ganz und gar voneinander, und beide können anderweitig heiraten. Haben sie Kinder, gibt man diese dem Vater.“ Mit dem wegen seiner Grausamkeit gefürchteten Tatarenherrscher Timur ist der Freisinger bis nach Indien gekommen, auf dem Weg dorthin lag Babilon (Bagdad): „Nun sollt ihr auch was vom neuen Babilon hören. Das neue Babilon liegt abseits vom großen Babilon an einem großen Wasser, das Schat heißt. In dem Wasser gibt es viele Meerwunder, die aus dem indischen Meer kommen. Am Wasser wächst eine Frucht auf Bäumen, die Tatel heißt und von den Heiden Kurma genannt wird. Die Früchte kann man nicht abnehmen, bis die Störche hineinkommen und die Schlangen und Nattern vertreiben, weil das Ungeziefer unter und auf den Bäumen haust. Und wegen diesem Ungeziefer kann niemand die Früchte abnehmen. Diese Frucht wächst zweimal im Jahr. Anzumerken ist auch, daß man in der Stadt Babilon gemeinhin zweierlei Sprachen spricht: Arabisch und Persisch. In Babilon gibt es auch einen Garten mit allerlei Tieren darin. Er ist auf zehn Meilen ganz umfangen und zugemacht, damit sie nicht rauskönnen. Die Löwen haben ein besonderes Gehege, wo sie umherziehen.“ Mit den Tataren ist Schiltberger auch in die Steppen Russlands gekommen, hat seltsame Völker getroffen und wüste Gegenden erlebt – und von den Tataren schreibt er: „Es gibt kein streitbareres Volk unter den Heiden, als es die roten Tataren sind. Und keines, das mehr aushalten kann auf Reisen und in Kriegen. Ich habe bei den Tataren gesehen, wie sie ihren Pferden die Ader ließen, das Blut auffingen, es sotten und aßen. Das tun sie, wenn es ihnen an Speise mangelt. Auch habe ich gesehen und habe es selber getan, daß sie, wenn sie es auf Reisen eilig haben, Fleisch dünn schneiden, in ein leinenes Tuch tun, es dann unter den Sattel legen und darauf reiten. Wenn sie dann hungert, nehmen sie es aus dem Sattel und essen es roh. Zuvor salzen sie es, weil sie meinen, es schade nicht, wenn es von der Wärme des Rosses trocken und vom Druck des Sattels mürbe wird, so daß der Saft herausgeht. Das tun sie, wenn sie es unterwegs eilig haben und keine Zeit bleibt, die Speisen zuzubereiten. Es ist auch Brauch, daß wenn ihr König des Morgens aufsteht, man ihm in einer goldenen Schale Roßmilch bringt, die er dann nüchtern trinkt.“ Bei einem Aufenthalt im Kaukasus gelingt Hans Schiltberger 1427 schließlich eine abenteuerliche Flucht über das Schwarze Meer. Von Konstantinopel aus macht er sich über die Walachei und Bulgarien auf in die Heimat, aus der er vor dreissig Jahren ausgezogen war... „Ich Hans Schiltberger bin von meiner Heimat ausgezogen, von der Stadt München, die da liegt in Bayern, als man zählte 1394 Jahre nach Christi Geburt. Das ist geschehen, als König Sigmund von Ungarn in die Heidenschaft zog. Da bin ich als Reiter mitgezogen. Und heimgekommen aus der Heidenschaft bin ich wieder im Jahre 1427.“ So beginnt Hans Schiltberger seinen Sensationsbericht, der, wenn man für das Mittelalter schon von Bestsellern reden kann, gewiß ein solcher gewesen ist. Überall wurde seine ergreifende Geschichte gelesen und vorgetragen – zuerst vervielfältigt in handschriftlichen Kopien, später in gedruckter Form. Nur vier Handschriften sind bis heute vorhanden, eine davon lagert in der Münchener Monacensia Bibliothek. „Es handelt sich um a Abschrift“, sagt Markus Tremmel, „s’Original is leider verschollen.“ Der Text ist, wie drei weitere Abschriften in anderen Bibliotheken (Heidelberg, Stuttgart, St. Gallen), auf Mittelhochdeutsch abgefasst. „Net ganz einfach zum Lesen, aber ohne weiteres zum Verstehn“, so der Wambacher Verleger. Er hat ihn neu übertragen, behutsam und möglichst nah am Original, weil „es gibt zwar aus den vergangenen Jahrhunderten a paar Ausgaben, aber halt oft recht eigenwillig modernisiert oder ausgeschmückt“. Eine letzte Ausgabe von 1983 sei zwar nicht ganz schlecht, sie beruhe aber auf einer anderen Handschrift, die wahrscheinlich nicht ganz so originalgetreu wie die Münchener Handschrift sei, ausserdem habe der Herausgeber die Sprache recht modern übertragen: „Des is zwar manchmal dann flüssiger zu lesen, aber mir gfoits original vui besser“, betont Markus Tremmel. So sei es zum Beispiel auch viel reizvoller, Schiltbergers „Staffeln“ nicht durch „Stufen“ zu ersetzen, oder warum „denke Hand“ mit „linke Hand“ übersetzen? „Versteht doch jeder, und dazua muaß er net amoi boarisch kinna.“ Markus Tremmel hat Hans Schiltbergers Bericht mit wachsender Begeisterung bearbeitet: „Weils ein höchst spannender und faszinierender Einblick in den mittelalterlichen Orient is, und weils eine wahre Geschichte is.“ Das Buch direkt beim Verlag bestellen: viaverbis@aol.com (14 Euro + 1,50 Euro Versandkosten) |